Dezember 29, 2006 0

Familienschlauch

By Strohsilo in Nachdenkliches

Bestens bekannt ist mir die Landschaft, die am Seitenfenster vorbeifliegt. Auch wenn es gerade noch so grau ist draussen, Erinnerungen werden wach. Erinnerungen an die vielen Fahrten auf dem Rücksitz mit meinen Eltern, die mich langweilten, anödeten, manchmal sogar meinen Magen umdrehten und immer zum selben Ziel führten. Hinauf in die Berge, zu den Wurzeln meiner Mutter – in eine Gegend, die ich nicht sehr mag, aber trotzdem viele Erinnerungen dran hängen.

Mein Blick schweift zurück ins Auto, meine beiden Schwestern unterhalten sich gerade – eine Seltenheit auf dieser wortkargen Fahrt. Am Rande bekomme ich noch mit, dass sich meine ältere Schwester scheiden lässt und sie mit jemand neuem zusammen ist. Viel mehr erzählt sie nicht. Immer wieder lange Pausen, kurze Sätze, kaum Inhalt. Mein Kontakt zu ihr hält sich in Grenzen, wir sehen uns kaum und ich gebe zu etwas Mühe mit ihr zu haben. Wir leben wohl in zwei total verschiedenen Welten, in denen es kaum Gemeinsamkeiten gibt. Sicher trägt auch die Distanz von über 10 Jahren dazu bei, aber auch ihre etwas spirituelle Art, die sich kaum beschreiben lässt.

Ein paar Kilometer vor dem Ziel steigt unsere Mutter zu, die Stimmung lockert merklich auf. Ein feines Essen oberhalb dem Nebel, in einem kleinen Winterort der vier Wochen im Jahr keine Sonne hat, erfreut den Gaumen. Und den Schnee unter den Füssen zu spüren tut gut.

Manchmal frage ich mich, was ein normales Familienverhältnis ist. Sich liebende Eltern im Alter vorzustellen ist etwas wunderschönes, einen Vater zu haben der zu früh verstirbt, die Kehrseite. Sicher, ich mag meine Familie sehr, doch irgendwie ist sie mir nicht so nahe wie andere Leute in meinem Leben.

Stehe ich da neben den Stühlen? Zu meiner Mutter finde ich nur langsam zurück, wir stritten viel in der letzten Zeit die ich zu Hause verbracht habe. Wegen sinnlosen Kleinigkeiten. Zwei Sturköpfe. Heute weiche ich solchen Diskussionen aus, gehe wenn möglich gar nicht darauf ein, weil ich weiss dass es keinen Sinn macht. Es ist nicht mehr so anstrengend wie früher. Um mit meinem Vater wieder eine funktioniernde Beziehung hinzukriegen hatte ich zuwenig Zeit. Trotzdem, mit elf schon wieder alleine zu sein, sozusagen ein Einzelkind, prägt sehr. Mit meiner anderen Schwester unternehme ich mehr, sehe sie öfter, mag sie sehr und schätze sie genauso. Doch irgendwie musste etwas Luft raus an diesem Abend, wir stritten uns und diskutierten über Geschwisterbeziehungen, Missverständnisse, etc. Ich weiss nicht, wann und ob wir uns schon mal so in die Haare geraten sind.

Sie ging anschliessend – die Situation nicht ganz geklärt und noch Fragen in der Luft. Es kommen Gedanken hoch, die nicht so schnell wieder loslassen – auch wenn es gut getan hat, mal etwas persönlicher miteinander zu sprechen. Und es war bestimmt nicht das letzte Gespräch das so nahe ging. Sie ist meine Schwester und nicht irgendwer.

Familienbeziehungen sind immer schwierig.

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