Gestern gings los, Roger Levy berichtet bereits ausgeprägt darüber.
Heute werde ich die Ausstellung mit eigenen Augen sehen. Und darauf freue ich mich sehr. Auch Heinrich Gartentor kennenzulernen und den Verein der sich weiterhin für den Erhalt dieses Ortes einsetzt.

Der Bericht folgt.
Nationale Kunstausstellung
Grosses Worte – viel Lärm und kleine Visionen
Ich gebe es freiwillig preis: ich bin ein Banause, ein grosser Kunstbanause. Aber auch Bildungsphilister haben Anrecht auf Weiterbildung. Es könnte ja sein, dass sie noch auf den richtigen Weg gelangen. Genau deshalb versuche ich als Banause ab und zu Eingang und Wege durch den grossen Wald der Kunst zu finden. Mit der Lisa von Engels Michel und den Werken seiner Kollegen habe ich mittlerweile keine Probleme mehr und im Klee stehend begriff ich auch so manches, was mir vorher verborgen blieb. Eine Nationale Kunstausstellung auf einem Schrottplatz mitten in der Natur kam mir da gerade recht. Vielleicht konnte sich dort mein Kunstverständnis weiter entwickeln.
National, also für einen Banausen tönt das nach viel, sehr viel, nach Grossem und viel Grossem, denn bei National, dass begreift sogar der Banause, da ist mindestens eine Nation vertreten. Eine Kunst-Tankstelle solle es dort geben, hatte ich gelesen. Ob mir die helfen konnte Fehlendes zu tanken?
Zugegeben, ich freute mich nicht nur auf die Kunst und die Möglichkeit, diese an der Nationalen Kunstausstellung endlich tanken zu können. Wie alle Banausen, bin ich eben doch sehr banal erdverbunden – freue mich am Sonnenauf- und Untergang und geniesse Vollmondnächte und Fledermausflüge genau so wie Vogelgezwitscher, oder den Anblick von Schnecken, Erdwürmer, Fuchs und Hase. Die Verbindung der Nationalen Kunstausstellung an einem, von der Natur bewohnten Ort stellte ich mir deshalb für einen Banausen wirklich gigantisch vor.
Der Wettergott war auch auf meiner Seite, als ich an diesem Spätnachmittag nach tagelangem Endlosregenwetter voller Erwartungen der Kunsttankstelle entgegen schlenderte. An der Tankstelle gab es dann keine Zapfsäule, dafür drang monotone Grabmusik an mein Ohr und verbreitete Weltuntergangsstimmung. Als Banause suchte ich natürlich sofort die Quelle des Konzertes, konnte aber kein Orchester entdecken. Dafür fand mein Auge, o wunderbar, hellblaue Vogelkästen. Also, das ist doch wirklich nett von diesen Künstlern, dass sie daran gedacht haben den ausquartierten Vogeleltern, welche bis anhin in den Handschuhfächern der entsorgten Rostlauben nisteten, neue Wohnquartiere zu bauen!
Da ich keine Zapfvorrichtung bei der Tankstelle fand, wanderte ich, begleitet vom morbiden Sound, dem Pfad entlang und suchte die Kunst der Nationalen Kunstausstellung – was also gar nicht so einfach war.
Ein geschickter Handwerker hatte eine Gartenpergola aus Kühlerhauben zusammen geschweisst. Echt clever durchdacht, das Teil. Aber in meinem Garten möchte ich sie nicht, denn er hat das Dach vergessen. Der schöne alte Lastwagen, voll mit leeren Flaschen und Ansichtskarten, hätte ich gerne in ein Ferienhäuschen umgebaut. Schade, dass da nie aufgeräumt wurde. Ist es so schlecht um die nationale Müllabfuhr bestellt, dass leere Flaschen und Konserven nicht mehr entsorgt werden? Etwas weiter stand ein Schild mit „Dienstweg“. Den habe ich nicht beschritten, tönte mir zu bieder.
Aber wo war nun der Eingang zum Park mit den vielen alten Autos? Wahrscheinlich hatte man die Kunst dort platziert. Als ich mich vom Dienstweg löste, sah ich quer über den Platz den grossen Hinweis „Eingang“. Erleichtert steuerte ich darauf zu und bekam Einlass.
Ein roh gezimmerter Holzsteg führte über die Dächer der alten Autos und erlaubte so den Blick aus der Vogelperspektive auf die Rostlauben, welche hier in jahrelanger Arbeit der einmaligen Künstlerin Natur zu speziellen Exponaten heran gewachsen waren. Eine Nationale Kunstausstellung fordert ihren Tribut, das ist selbst einem Banausen klar, auch wenn sein Herz beim Anblick der Schäden weint. Die meisten der von Mutter Natur verwandelten Rostlauben zeigten Verletzungen im Bewuchs, sie strahlten nicht mehr und der einst tropisch anmutende Urwald war gestutzt und in Schranken verwiesen.
Eine recht laute Geräuschkulisse drang durch den Park. Irgendein Amselroboter versuchte lauthals mit dem Lärm von Pferdefuhrwerken und Autoverkehr zu konkurrieren. Dazwischen hörte man immer wieder den verzweifelten Versuch einer echten Amsel, die der Schepperlise aus voller Kehle Paroli bot. Leider erfolglos, denn gegen Dezibels einer Blechdrossel hatte sie nicht wirklich gute Chancen. Wie mag wohl das Theaterstück Discoamsel gegen Federvogel enden? Wahrscheinlich mit der Kapitulation des schwarz gefiederten Naturtalents und dem Auszug der Zwitscherfreunde aus dem einstigen Paradies. Der Mensch wird ja mittlerweile gegen Lärmemissionen geschützt, Tiere nicht. Ich entfernte mich vom Inferno. Weil ich auf stille Kunst am Ende des Parks hoffte, eilte ich über den Laufsteg, nicht ohne kurz einen Blick auf die Treppen in die Unterwelt zu werfen. Notausgänge? Fluchtwege aus der Hölle für Mäuse, Ratten, Fuchs und Marder? Wenigstens gut beleuchtet und damit ökologisch sinnvoller Einsatz von Nationaler Energie unter dem Motto: helft verstörten Vierbeinern beim Verlassen ihres Reviers. Könnte sein, dass so ein derartiges Kunstprojekt zukünftig von Tierschützern Unterstützung findet.
Kurz darauf erblickte ich den Picknickplatz von Teddybär & Co. Die Stofftiere hatten wohl alle zur Geisterstunde einen Waldspaziergang gemacht und dabei den Sonnenaufgang verpennt. Jeder Banause weiss ja, dass Zwerge, Puppen und Stofftiere bei den ersten Sonnenstrahlen erstarren und ihr Leben aushauchen. Als echter Banause wollte ich mich schon in Trauer üben ob den armen Spielzeugkreaturen, aber ein Kunstkenner tröstete mich und machte mich darauf aufmerksam, dass ich ein weiteres Kunstwerk der Nationalen Kunstausstellung vor mir hatte. Dazu gehörten auch die Plastikschläger und weggeworfenen Analogkameras. Leicht verwirrt machte ich mich von dannen. Müllentsorgung als Nationales Kunstwerk? Langsam stiess mein Banausenverständnis an seine Grenzen. Aber es gab Hoffnung, noch hatte ich ja nicht die ganze Ausstellung besichtigt.
Kurze Zeit später fand ich das Objekt des Magen- Darmspezialisten. Die überdimensionale weisse Schlange, die sich da in und durch die Autos würgte erinnerte mich stark an die Sendung der Stoma-Beratung im Schweizer Fernsehen. Ist doch schön, dass die Nationale Kunstausstellung auch Platz für medizinische Themen hat. Der immer noch in meiner Nähe weilende Kenner klärte mich dann auf und meinte, es handle sich hierbei nicht um die Abbildung menschlicher Innereien wie Dick- und Dünndarm, das Kunstwerk verweise auf den Airbag.
Gesenkten Hauptes schritt ich dann diesem Werk von wirklich nationaler Länge entlang und sah endlich am Horizont eine gelbe Sonne aufgehen. Das war doch der fliegende Fiat 500, der sich kurz vor dem definitiven Untergang, ganz in gelb, einen Alpenrundflug per Helikopter gönnte und so Berühmtheit in der Lokalpresse erlangte. Mein Banausenherz machte einen Hüpfer bei diesem Lichtblick. Hatte ich endlich etwas von dieser Kunst verstanden? Nicht wirklich, ich freute mich lediglich darüber, dass wenigstens diese kleine Autoseele noch einmal aufblühen konnte. Dafür erstickt der alte Mercedes in knalligen Plastikwülsten und stützt sich ächzend auf seinen Freund, den VW-Brombeerkäfer. Dieser scheint ihm gut zu zusprechen: im Namen der Kunst seien gewisse Opfer erforderlich. Schwer mit der Kunst tut sich eine andere Rostlaube. Da hatte der kleine Fiat aus der Urzeit der italienischen Autobranche es während seiner ganzen Autokarriere tunlichst vermieden frontal in eine Mauer zu knallen und dann kommt einer daher und mauert ihn und seine Autokollegen im Viertel einfach ein – im Namen der Kunst ist dies erlaubt.
Der Weg führte von einer Kuriosität zur nächsten, doch meinem Wesen blieb der Zugang zu dieser Nationalen Kunstausstellung verschlossen. Dafür blutete mein Herz beim Anblick der einst stolz und oft glänzend im Regen stehenden Oldtimer, die jetzt vor sich hinsiechen, als würden sie leidend an diesem Spektakel sterben. Man versprach sie zu retten, nun gleichen sie Schlachtvieh mit stumpfem Blick und glanzlosem Fell.
Kein Wunder versucht die grüne Rostlaube draussen vor dem Park verzweifelt den Motor zu starten. Auch ohne Reifen und Räder – sie alle hier haben nur einen Wunsch: Fersengeld geben. Wenn Kunst der Spiegel der Zeit ist, dann flieht und rettet eure Kinder.
Lisa Bürstl – Kirchenthurnen
Nach der herrlichen Ausstellung noch die Worte von dir, Lisa. Da sage ich nur eines: köstlich, literarische Qualität, vielen Dank!