Nachdem es wieder in fast allen Medien die Runde machte, konnte ich mich nicht davor halten, mich etwas besser über das Ereignis vor 22 Jahren zu informieren. Schliesslich traf es damals auch uns und abschliessen kann man das Thema auch nach Jahren ganz und gar nicht. Lest weiter, es ist wirklich spannend.
Bis heute hat man keinen Überblick, wieviele Menschen an diesem Unglück wirklich gestorben sind. Die Schätzungen gehen von einigen (eher unrealistischen) tausend bis weit über 100’000. Die damalige UdSSR war recht gut im Zahlen fälschen, lügen und vertuschen. Der kalte Krieg war noch im vollen Gange. So kam es auch, dass Anfangs kaum etwas über das Unglück bekannt wurde. Erst als ausserhalb eines schwedischen Kernkraftwerkes auffallend hohe Radioaktivität gemessen wurde und die USA erste Satellitenbilder des explodierten Reaktors veröffentlichten, gab Russland zu, dass da etwas mehr passiert ist.
Manch einer von uns hat das miterlebt und kann sich erinnern. Ich war da noch nicht im Alter, in dem ich mich um solche Dinge sorgte. Deshalb beschränken sich meine Erinnerungen auch darauf, dass wir keinen Salat essen durften. Alles andere ist nur ganz schleierhaft hängen geblieben.
Umso klarer wird mir alles, wenn ich heute in den Notizen anderer blättere. Und erst recht, wenn ich lese, dass im ehemaligen Russland noch sicher 13 weitere Reaktoren in Betrieb sind, die mit Tschernobyl-Technik gebaut sind.
Alle wissen, dass das Ding in die Luft geflogen ist – vor 22 Jahren. Doch was ist wirklich passiert? Ich habs hier so kurz wie möglich und ohne gewaltige Fremdwörter zusammengetragen:
Tschernobyl IV wurde 1983 in Betrieb genommen. Damals hätte auch einen Test durchgeführt werden sollen, ob die Kühlung bei einem Stromausfall bis zum Anlauf der Notstromgeneratoren mit der eigenen Energie hätte aufrecht erhalten werden können. 1985 misslang der Test im Reaktor III. So wurde er am 26. April 1986 im Reaktor IV wiederholt unter Abschaltung des Notfallwarnsystems und Notkühlsystems.
Der Reaktor hätte nicht unter 20% der Nennleistung betrieben werden dürfen, bei Testbeginn lag sie aber deutlich darunter. Der Versuch wurde nicht abgebrochen. Aufgrund der Konstruktion der RBMK Reaktoren und mehrer Bedienfehler geriet die Kernreaktion ausser Kontrolle. Die Leistung stieg innert Sekundenbruchteilen um das hundertfache, was zu zwei Explosionen führte, welche die 2000t schwere Decke zwischen Kern und Athmosphäre verschwinden liess.
- Zwei Tage später, nach der Meldung des schwedischen Kraftwerks, hörte man aus Russland erstmals von einem Unfall in Tschernobyl.
- Drei Tage danach liess die UdSSR verlauten, dass es sich um eine Katastrophe mit zwei Toten handle.
- Manche Menschen in der Umgebung erfreuten sich nachts an der rot glühenden Wolke und den Wäldern…
- Erst sechs Tage nach der Katastrohe begann man mit der Evakuierung der umliegenden Siedlungen.
- Zehn Tage nach dem Test war der Brand gelöscht.
- Etwa 650’000 Liquidatoren (Aufräumer) wurden eingesetzt, um den umliegenden Schutt grösstenteils von Hand wieder in den Reaktor zu schaufeln. Sie wurden teils so stark verstrahlt, dass 92% erkrankten und rund 15’000 starben.
- Der Reaktor wurde mit einem Mantel aus Beton “verschlossen”. Dieser ist jedoch brüchig (Bild), droht einzustürzen.
- Es gibt Pläne für einen neuen Betonmantel (Sarkophag), welcher für 100-150 Jahre “sicher” sein soll.
- Heute leben wieder etwa 3500 Menschen in der verstrahlten Sperrzone, welche für die nächsten 20’000 Jahre kaum bewohnbar ist.
Sagt man, schreibt man. Wieviel davon wahr ist, bleibt uns allen wohl verborgen.
Seither sind Gelder weit jenseits von 500 Mio verbraten worden, niemand kann so genau sagen womit. Und es sollen neue 800 Mio ausgegeben werden, wahrscheinlich für ähnlich erfolglose Projekte wie bisher.
Wäre es nicht wichtig, die anderen, unsicheren Reaktoren abzuschalten, damit nicht nochmal so etwas passieren könnte? Wäre es nicht wichtig, den Menschen zu helfen, die am meisten darunter leiden? Wäre das nicht sinnvoller, als eine zweite Hülle um einen fast leeren Reaktor zu bauen?
Übrigens: Tschernobyl ist nicht die grösste Atomkatastrophe, sondern das, was sich in Mayak abspielte (oder noch kommen wird!!). Hier schaffte es die UdSSR, wohl nicht ohne Grund, die Katastrophe 31 Jahre lang der Welt zu verheimlichen.
Quellen: